Nachtschichten

Was ich erblicke, sieht aus wie eine Kulisse. Im Vordergrund erblicke ich einen querverlaufenden staubigen Weg. Eine graue feine pulverige Substanz bedeckt ihn. In der Mitte meines Blickfelder ragt ein massiver Stein in die Höhe. Vielleicht einen halben Meter hoch. Eventuell eine Kleinigkeit mehr. Zum Horizont setzt sich das Grau des Weges in eine schier nicht enden wollende Weise fort. Nur sparsames Licht erhellt die Szenerie. Als dessen Quell scheinen mir ein paar wenige Sterne am Himmel zu sein. Von links tritt ein Mann in meinen Blick. Er ist bekleidet mit lumpigen Kleidern. Sein Gesicht hinter einen voluminösen Vollbart kaum zu erkennen. Diese Unerkennbarkeit wird durch einen tief ins Gesicht geschobenen alten Hut verstärkt. Auch dieser Hut scheint schon durch Generationen armer Leute weitergegeben worden zu sein. Auf dem Rücken trägt er ein großes Bündel, aus was weiß ich. Er erreicht den Stein und wirft ächzend das Bündel hinter den Stein zu Boden. Unter Stöhnen setzt er sich schwerfällig hin. Breitbeinig zu Boden starrend verharrt er einen Moment, tief schnaubend nach Atem ring. Dann schaut er zu mir auf:
 
„Ich mache jetzt erst einmal eine Pause. Ich weiß, eigentlich hat der Boss dies verboten, aber es muss jetzt einfach sein. Ich glaube sowieso, er hat mir dafür hier den Stein hingelegt.“
 
Er streckt seine Arme in die Höhe, dehnt sie, lässt sie zur Seite absinken und streckt sie in Schulterhöhe erneut, dieses Mal zur Seite. Gleichzeitig lässt er seinen Kopf kreisen. Nickt noch ein paar Mal, bevor er sich wieder mir zuwendet:
 
„Ach das tut gut!“
 
Er nimmt seine Arme herunter, nachdem er sie noch einmal ausgiebig kreiseln lässt. Kreuzt sie und lehnt sich mit seinen Ellenbogen auf seine breitgestellten Knie. Dabei kippt er ein wenig nach vorne.
 
„Es war ja eigentlich nicht der oberste Boss, der mich hierher geschickt hat. Es war irgend so ein Abteilungsleiter aus dem mittleren Management. Einer, der meinte besonders wichtig zu sein. Der aber keine Ahnung hatte, wie der Laden eigentlich laufen sollte. Der Boss hat ihn ganz schön zurechtgewiesen.“.
 
Der Mann springt auf und geht ein paar Schritte nach rechts, die Hände in die Hüfte gestemmt und den Rücken immer wieder nach hinten gedrückt. Dann bleib er stehen dehnt seinen Rücken ausgiebig mit Katzenbuckeln und Beugeübungen. Dabei gibt er wollige Rufe von sich. Anschließend dreht er sich um und geht in die andere Richtung. Er passiert den Stein. Bleib aber gleich danach stehen und dehnt sich erneut den Rücken. Dann wendet er sich zu mir und macht einen Schritt auf mich zu. Er schüttelt seinen Kopf:
 
„Der Chef war gar nicht der Meinung, dass ich falsch gehandelt habe. Der Mensch geht vor, sagte er. Auch wenn dabei mal eine Regel gebrochen wird. Dieser Beamtenkopf hat einfach nicht das Konzept vom Boss verstanden. Auch der Junior-Chef hat es ihm versucht zu erklären. Umsonst.

Ich habe es doch für meine Frau getan. Die war krank und ich brauchte das Reisig zum Feuer machen.  Für sie! Auch an einem Sonntag. Dieser Wichtigtuer war einfach nur übereifrig. Aber woher soll er auch seine Daseinsberechtigung nehmen, wenn nicht dadurch, dass er andere auf die Regeln verweist.  Jetzt habe ich den Salat. Soll hier auf ewig meine Wege ziehen.“
 
Er geht zurück zum Stein. Dort holt er sein Bündel hervor und legt es auf den Stein ab. Jetzt kann man erkennen, dass es aufgesammeltes Holz ist. Während er es etwas zurecht rückt wendet er sich mir zu:
 
„Im Moment ist mein Weg nicht ganz so lang. Vielleicht nur die Hälft des maximalen Weges. Und er wird im Moment sogar kürzer. Bald habe ich für einen kleinen Augenblick eine Pause. Vielleicht zwei Tage. Aber dann geht es wieder los. Und die Wege werden dann jeden Tag weiter. Bis ich den vollen Umfang laufen muss. Da bin ich dann jedes Mal echt fertig.“
 
Er hört auf sein Bündel zu bearbeiten und setzt sich kraftlos auf den Stein. Eine kleine Weile redet er kein Wort. Dann richtet er sich wieder auf:
 
„Der Boss hat mit mir gesprochen. Er meinte, die Menschen seien jetzt schon auf mir aufmerksam geworden. Und sie finden es romantisch, mich zu sehen. Jeder kenne mittler Weile mein Gesicht. Obwohl mich ja eigentlich noch keiner so richtig gesehen hat, während ich hier rumlaufe.  Aber ich würde ihnen etwas bedeuten.“
 
Er dreht sich um seine Achse und zeigt in die Ferne:
 
„Schau dir doch diese Öde an. Kannst du da etwas Romantisches sehen? Und doch sitzen die Leute engumschlungen auch ihren Bänken, schmachten sich total verliebt an und sehen in mir ihr größtes Glück. Meinet wegen sollen sie doch verliebt sein. Was habe ich damit zu tun? Ach ich weiß es nicht. Ich muss jetzt weiter.“
 
Er nimmt  sein Bündel auf den Rücken und geht ein paar Schritte in seine alte Richtung weiter. Dann bleibt er erneut stehen und dreht sich wieder zu mir um.
 
„Er hat mich gefragt, ob ich nicht noch eine kleine Weile weitermachen könnte. Ich meinte, meine Frau sei doch so krank. Aber er gab mir das Versprechen, sich um sie zu kümmern. Nun, wenn er das verspricht, dann kann man es ihm ja wohl glauben. Aber ich fragte doch ganz frech, wie lange ich denn diesen Job noch machen solle. Er antwortete, er wolle die Menschen über mein Schicksal aufklären, dann würde sich die ganze Sache erledigen. Er werde jemanden vorbei schicken.“
 
Jetzt zeigt er mit seinem Finger direkt auf mich:
 
„Sollst du denen da unten von mir erzählen? Dann beeile dich. Fliege schnell zurück mit deiner Rakete und erzähle den Menschen die wahre Geschichte von mir. Ich hoffe, dass ich nicht mehr allzu lange wandern muss. Ich bin schon sehr müde.“
 
Dann dreht er sich um und verlässt langsam mein Blickfeld. Aber ich höre von Ihm noch einen sanften Gesang, der schnell leise wird bevor er ganz verebbt:
 
„La Li Lu, nur der Mann im Mond schaut zu…“

Hintergrund:
Die Aufgabe zu dieser Geschichte war: Jemanden zu Beschreiben, der in der Nacht arbeitet. Nun, dieser Mann arbeitet in der Nacht.