Gun Figther

Wir kennen sie alle, die Gun Figther. Jene Revolverhelden, die im Wilden Westen über das Land zogen. Stets begleitet von einem, ihnen vorauseilenden zwielichtigen Ruf. Auf Grund dessen fanden sich in jeder Stadt gleich dutzendweise junge Männer, die glaubten, gegen einen solchen Shootisten bestehen zu können. Ihr Ziel war es, sich durch ein erfolgreiches Duell selber einen mächtigen Ruf erwerben zu können. Die meisten von ihnen bekamen jedoch nur einen schnellen Nachruf, bevor sie sechs Fuß tief in die Erde eingebettet wurden. Wie ein solcher Gun Figther kam ich mir gegen Ende meiner Schulzeit manchmal vor.

Ich war von Natur aus mit recht viel Kraft ausgestattet worden. So konnte ich mich bei den üblichen körperlichen Auseinandersetzungen mit anderen Kameraden recht gut durchsetzen. Zudem schickten die Frankfurter Metzger ihren Nachwuchs gerne in die Ringervereine dieser Stadt. So landete auch ich in einen solchen Kampfverein. Lernte dort die eine oder andere wertvolle Technik, um im Kampfe bestehen zu können.

War ich in ganz jungen Jahren oftmals der Aggressor, also jener, der einen Streit anfing, waren es mit zunehmendem Alter stets meine Gegner die einen Händel mit mir suchten. Ich war selten abgeneigt in den Ring zu steigen.

Es ging dabei niemals darum, seinen Herausforderer zu vernichten. Es langte, wenn einer der Kontrahenten den Kampf aufgab. Dann war Schluss! Der Kampf war zu Ende. Man ging danach nicht spinnefeind auseinander. Es gab Fälle, in denen man sich nachher sogar anerkennend auf die Schultern klopfte. Ein Kampf, wie ich ihn in der Regel einging, war also stets eine freiwillige, gegenseitige Übereinkunft, herauszufinden wer der bessere Kämpfer sei. Ich bevorzugte bei meinen Scharmützeln gerne meine Erfahrungen als Ringer. Nur sehr selten schlug ich einen Gegner.

Mit der Zeit wusste man also, dass ich mich sehr gut zu wehren wusste. Seltsamerweise ließ man mich aber immer weniger in Ruhe. Ständig wurde eine neue Herausforderung an mich herangetragen. Von den jungen Heißspornen, die meinten Ruhm ernten zu können, wenn sie sich mit mir auf einen Kampf einließen. Diesen womöglich auch noch gewinnen konnten. Aber sie täuschten sich. Denn ich besiegte sie am Ende alle.

So befand ich mich einmal am Ende der Pause auf dem Weg zurück in den Klassenraum. Da rempelte mich ein mir völlig unbekannter, etwas jüngerer Tollpatsch, wie ausversehen an. Ich blieb natürlich sogleich stehen und blickte ihn erbost an. In seinen Augen brannte ein zorniges Feuer. Eine aggressive Herausforderung lag in seinem starr auf mich gerichteten Blick. Seine Zähne waren fest zusammengebissen. Zu eindeutig war dieser Anblick. Ich ahnte sofort, dass wieder eine Beerdigung ins Haus stehen würde. Aber dann entspannte sich seine Haltung und er wendete sich von mir wortlos ab. In jenen Augenblick schien er noch nicht zum Kampfe bereit gewesen zu sein. Oder sollte ich mich getäuscht haben?

Nein, tatsächlich nicht! Am nächsten Tag tauchte jener, etwas kleinere, aber kräftig gebaute junge Mann wieder wie in meiner Nähe auf. Er kabbelte sich, wie am Vortag in seiner Clique. Stieß dann, wie auch am Vortag, wieder voll mit mir zusammen. Dieses Mal jedoch schien er zu Allem bereit zu sein. Denn ein sofortiger Schwall wüster Beschimpfungen überschüttete mich.

Als höflicher Mensch erkundigte ich mich natürlich augenblicklich nach seinen Wünschen. Ob diese dergestalt wären, dass er eine Tracht Prügel haben wolle. Er bestätigte mir diese Anfrage sogleich, mit der Bemerkung, er werde mir mein blödes Grinsen schon austreiben.

In der Zwischenzeit war unser Wortduell den umstehenden Schüler aufgefallen und sie bildeten einen geschlossenen Kreis um uns herum. Mein Freund Stopsi stand ganz entspannt neben mir. Ich verkündete ihm, dass ich jetzt wohl etwas zu erledigen hätte und zog demonstrativ lässig meine Jacke aus um sie ihn zu reichen. Dann wendete ich mich wieder meinen Herausforderer zu. Um seine Stimmung ein wenig zu heben, fuhr ich ihm mit meinem Finger vor seiner Nase herum. Dabei fragte ich ihn mit süßlicher Stimme was er denn wolle. Ebenso erkundigte ich mich bei ihm, ob er sich überhaupt schon Prügeln dürfe.

Der mir unbekannte Tosdeskandidat wurde ganz weiß im Gesicht und versuchte meine Hand vor seiner Nase wegzuschlagen. Verbissen forderte er mich auf, ihn etwas ernster zu nehmen, da er mich ja gleich in der Luft zerreißen werde. Das ließ mich, noch immer mit süßlicher Stimme, ihm gegenüber bestätigen, dass ich vor lauter Angst schon sterben würde. Und meine Knie weich wie Butter wären und nur noch wild schlottern würden.

Freilich, dies klang ein wenig höhnisch. Sein Gesicht wurde, ob dieser unernsten Offenbarung, nicht gerade freundlicher. Aber er wurde scheinbar auch unsicher, schien nicht zu wissen was er, ob meiner Reaktion, tun sollte. Besorgt sah ich ihn an. Verlor er schon den Mut? Wollte er aufgeben? Sich aus dem Staub machen?

Aber seine Kameraden standen erwartungsfroh, zusammen mit vielen anderen Schülern, um uns herum. Er konnte sich jetzt nicht mehr zurückziehen. Das wäre auch zu schade gewesen, jetzt da er sich nun endlich überwunden hatte, mich herauszufordern. Denn dieser Streit war offensichtlich vorbereitet gewesen.

Schnell, um ihn jede andere Überlegung auszutreiben, fragte ich ihn daher, ob er den nicht bald anfangen wolle. Dabei reizte ich ihn mit meinem Zeigefinger weiterhin vor seiner Nase. Er war aber noch nicht entschlossen genug. Ich musste eine schwere Verhöhnung nachlegen. So triezte ich mein Gegenüber mit der Frage, ob er den nicht doch lieber heim zu seiner Mutti gehen wolle. Das war genug. Er wurde mit einem Male noch bleicher im Gesicht und petzte die Lippen zusammen.

Ich ahnte was kommen würde. Aber ich machte keine Anstalten es zu verhindern. So traf mich sein Schlag in der Mundgegen und meine Lippe fing leicht an zu bluten. Ich wusste sofort: Dieser Gegner hatte keine Kraft in seinem Schlag. Spottend schaute ich ihn an und sprach mit spitzer Zunge:

„Oh jetzt hast du dich doch tatsächlich getraut. Aber ist das alles was du zu bieten hast? Kannst du das nicht noch besser?“

Er grunzte mich nur wütend an und forderte mich auf, endlich das Maul zu halten. Er war offensichtlich völlig irritiert davon, dass sein Schlag überhaupt keine Wirkung bei mir erzielt hatte.

Nun schaute ich ihn sehr ernst an und sprach mit einer ganz festen Bestimmtheit in meiner Stimme, meinen an dieser Stelle üblichen Spruch:

„Du hattest jetzt den ersten Schlag gehabt. Den hattest du frei. Du kannst jetzt noch aufhören. Aber ich warne dich, wenn du noch einmal zuschlägst, schlage ich zurück.“

Um ihn aber gar nicht erst auf den dummen Gedanken kommen zulassen sich tatsächlich zurückzuziehen, fuhr ich erneut mit meinem Finger vor seiner Nase umher. Sein Adrenalin trieb ihn in die Falle. Sein verbissener Gesichtsausdruck verriet es mir wieder vorher: Er schlug auch ein zweites Mal zu.

Auch dieser Schlag blieb wirkungslos. Ich sah richtig die Angst im Gesicht des Heißsporns stehen. Aber innerlich schüttelte ich den Kopf: Das war kein Gegner für mich. Wenn ich ihn jetzt nur einmal schlagen würde, würde er glatt dreimal schlagen: Zum Ersten: heftig mit dem Kopf zurück; zum Zweiten: hart auf den Boden auf und zum Dritten: für immer die Augen zu. Den dann zu erwartenden Nachruf gönnte ich ihm einfach nicht. Ich entschloss ich mich vielmehr, ihn heute noch nicht sterben zu lassen.

Blitzschnell packte ich den völlig von der Rolle scheinenden Herausforderer in den Schwitzkasten und führte ihn gnadenlos im Kreis herum. Vorbei an der johlenden Menge, der zuschauenden Schüler. Es muss wahrlich demütigend für ihn gewesen sein, da in der höhnisch rufenden Schar ja auch seine Freunde zu finden waren. Er hatte nicht die geringste Chance sich zu befreien. Ich würde ihn wahrscheinlich noch heute im Kreis herumführen, wenn die hofaufsichtführenden Lehrer ihn nicht aus dieser unwürdigen Lage befreit hätten. Wir wurden natürlich vor den Rektor gebracht. Aber hier konnte ich voll punkten. Er bekam den ganzen Ärger ab. Denn er hatte geschlagen, wie meine leicht blutende Lippe zu beweisen vermochte. Ich hatte mich ja nur gewehrt. Oder?

Bei einem anderen Kampf sah es für mich zunächst weitaus schlechter aus. Es ging gegen Bob. Er war ein Kumpel von Stopsi, der mit ihm zusammen, zu mir in die Klasse gekommen war. Er war ähnlich groß wie ich und wir wussten nicht, was wir kräftemäßig voneinander halten sollten. Im Armdrücken hatte ich ihn ziemlich locker besiegt. Aber das war ja Pippikram.

Wahrlich, es knisterte schon heftig zwischen uns beiden. Es war keine Feindschaft, es war Neugierde. Wer war wohl der Stärkere im Kampf, Mann gegen Mann? Wir wollten es beide wissen. Eines Tages war es dann soweit. Während des Unterrichtes ging ein psychologisches Duell vonstatten. Wir bewarfen uns gegenseitig mit lauter kleinen Nettigkeiten. Keine offenen oder gar groben Beleidigungen. Nur unterschwelliges, gemeines Geplänkel. Noch bevor wir in die Pause gingen, wussten wir, heute werden wir es ausfechten.

Ich hatte überhaupt keine Angst vor ihm und wollte mein übliches Spiel mit ihm treiben. Aber er hatte ganz andere Regeln. Und mit diesen überraschte er mich vollkommen. Noch bevor ich etwas sagen konnte, hatte ich schon seine Faust im Gesicht. In einem wahren Stakkato schlug er weiter. Ich hatte keine Chance mich zu wehren und wusste, dass ich den Kampf beenden musste. So drehte ich mich von ihm ab. Er folgte mir und schlug von hinten weiter auf mich ein. Ich war kurz davor, auf die Bretter zu gehen. Stopsi griff nun ein und verlangte von Bob mit dem Schlagen aufzuhören. Dies tat er dann auch. Ich war bedient. Aber er hatte mich überrascht. Ich war nicht auf diese Technik vorbereitet gewesen. Das Ganze musste ein Rückspiel haben.

Wie soll man einem solchen Schläger beikommen? Ich wusste es nicht. Mir blieb nur der Versuch, durch sein Sperrfeuer hindurch zukommen und ihn selber entscheidend zu treffen. Es dauert Wochen, bis ich mich mental darauf vorbereitet hatte, erneut in den Ring zu steigen. Aber dann war ich soweit.

Wieder ging eine psychologische Kriegsführung voraus. Und wieder wussten wir, in dieser Pause geschieht es. Uns so war es dann auch. Der Anfang des Kampfes glich fast dem, des ersten Kampfes. Jedoch hatte ich dieses Mal gewusst, was auf mich zukam. So hielt ich die ersten Schläge aus und versuchte immer wieder etwas aus dem Feuer herauszukommen. Es gelang mir nicht richtig. Und mir wurde klar, ich musste zurückschlagen und Treffer bei ihm setzen. Sehen konnte ich, auf Grund der auf mich einschlagenden Fäuste, überhaupt nichts mehr. Also schwang ich meine Waffen auf gut´ Glück.

Schon spürte ich, dass ich einen Treffer habe landen können. Aber noch immer griff Bob mich an. Schon glaubte ich, auch diesen Kampf verloren geben zu müssen, als ich spürte, wie ich kurz hintereinander zwei weitere Treffer setzen konnte. Mit einem Mal war Schluss. Bob hatte aufgehört zu schlagen. Was war geschehen? Langsam klärte sich mein Blick. Mein Gegner stand kreidebleich vor mir. Sein Blick war starr. Seine Fäuste waren gesenkt.

Mit einem Mal wusste ich sein Geheimnis. Er konnte nichts einstecken. Damit hatte ich gewonnen. Denn auch er wusste nun etwas Neues: Nämlich, dass mir sein Stakkato nicht allzu viel auszumachen schien. Und er wusste nun auch, dass ich durchaus zurückschlagen konnte, um ihn gefährlich zu treffen. Er wurde deutlich kleinlauter mir gegenüber.

Seitdem gab es keinen Kampf mehr zwischen uns beiden. Wir gingen bis zum Ende unserer gemeinsamen Schulzeit, wenn nicht als Freunde, so doch als gute Kameraden ein Stück des Weges gemeinsam miteinander.

Auf diesen Weg traf ich noch einige junge Männer die es wissen wollten. Und sie alle haben es erfahren.

 


Hintergrund der Geschichte:
Autobiographisches Schreiben


5,5 Seiten