Ein außer­ordentlich gewöhn­licher Sommer­tag

Der angenehm warme Sommertag neigte sich ganz langsam dem Abend entgegen. Ich fuhr gemeinsam mit meinem fünfjährigen Bruder Max auf unseren Rollern den Gehweg der heimatlichen Straße entlang.

Wir hatten unseren Häuserblock fast erreicht, als mich plötzlich etwas an meinem Schienbein traf. Ein schmerzhaftes Ziehen durchfuhr meinen Körper. Ich schrie auf und hielt sofort an. Auf der anderen Straßenseite waren Andreas, Michael und Bernd aus dem Schatten des Jöst-Häuschens gestürmt und bewarfen uns mit Lehmklumpen. Wieder überquerte eine Salve den Fahrweg. Dieses Mal wurde ich schmerzhaft am Arm getroffen. Max hatte sich bereits hinter das Telefonhäuschen geflüchtet.

„He, hört auf damit! Das ist unfair! Ich bin allein.“

Die drei antworteten mit einer erneuten Breitseite. Dieses Mal konnte ich den Geschossen ausweichen und mich zu Max in Deckung flüchten. Andreas schickte einer weiteren Salve noch eine höhnische Aufforderung hinterher:
„Dann hol doch die Anderen!“

Ich schaute vorsichtig hinter der Rückwand des Telefonhäuschens hervor:

„Bei uns ist niemand. Die sind alle im Schwimmbad. Wir beide sind allein vorm Haus.“

Erneut flogen diese krümelige Lehmklumpen und knallten an die gelbe Telefonbox.

„Dann sag deinen Freunden, dass wir morgen wiederkommen werden. Dann wollen wir aber eine ordentliche Schlacht haben.“

Damit verschwanden sie johlend in das Gelände ihres Wohnblocks. Einen Augenblick warteten wir noch ab, bevor wir die Deckung verließen.

„Die haben vielleicht Nerven! Gerade der Andreas. Hier spielt er den Großen und in der Schule ist er eine Niete. Ich glaube, es ist besser, wir gehen heute nicht mehr auf die Straße. Vielleicht lauern sie noch.“

Max maulte:

„Aber was sollen wir dann tun? Es ist doch so langweilig.“

Damit hatte Max nun auch wieder Recht.

„Komm, wir gehen über das Gebirge, uns die Neubauten anschauen. Vielleicht kommen wir ja in eines der Häuser rein.“

Mein Bruder war sofort begeistert, dann jedoch kamen ihm Bedenken:

„Aber das ist doch verboten!“

„Ach was! Freddy hat gesagt, man könne sowas schon machen, solange man sich nicht erwischen lässt. Und erwischen lassen wollten wir uns ja nicht. Oder?“

Damit gab sich der kleine Max zufrieden.

Ich wohnte seit kurzem mit meinem Bruder in dieser Neubausiedlung im Frankfurter Nordosten. Die zum großen Teil noch im Bau befindlichen Häuserblocks stachen zu beiden Seiten von den sich zu einem Karree vereinenden Straßenzüge der Wegscheide- und der Jaspertstraße weg. Im Inneren des Karrees trennten aufgeschütteten Erdaushubhügel wie ein riesiges Gebirge die beiden Siedlungsteile und boten uns Kindern einen herrlichen Abenteuerspielplatz.

Wir kannten die Pfade durch das wilde Gestrüpp der überwuchernden Natur und kamen rasch voran. Max war sehr aufgeregt:

„Wir können ja zu dem Haus gehen, wo es gestern gebrannt hat.“

Ich wusste von nichts.

„Aber gestern war doch die Feuerwehr dort drüben. Es waren drei große Wagen. Sogar ein Leiterwagen war dabei. Ob die von unserer Feuerwache waren?“

Jetzt dämmerte mir, was er meinte. Freddy hatte mir erzählt, dass die Bauarbeiter in Fässern Feuer in den Häusern machten, damit diese schneller trockneten. Da musste wohl jemand die Feuerwehr gerufen haben. Aber ob diese aus Sachsenhausen gekommen war? Ich bezweifelte es.

„Die ist in Sachsenhausen! Es wird wohl auch hier eine Feuerwache geben.“, vermutete ich.

„Aber unsere ist bestimmt schöner!

Ich fing an zu grübeln. Es war sonderbar. In Sachsenhausen war unsere ganze Welt eine kleine Mansarde gewesen, die nur für kurze Spaziergänge zu einem fernen Spielplatz oder zum Einkaufen, verlassen wurde. Obwohl ich die längste Zeit, meines jetzt schon über sechs Jahre andauernden Lebens, in der Tiroler Straße gewohnt habe, habe ich nur wenige Erinnerungen an das Leben, in dieser engen Wohnung. Daher erschien es mir, als wenn ich mein ganzes Dasein hier in der Siedlung verbracht hätte.

Hier in der neuen Siedlung war einfach alles anders. Wir konnten jederzeit raus vors Haus gehen und gewöhnlich waren da all die Kinder zum Spielen. Man gehörte dazu, einfach weil man hier wohnte. Die älteren Kinder passten auf uns kleineren auf und brachten immer wieder neue Spiele bei.

Ich war so in meinen Gedanken versunken, und hörte gar nicht mehr zu, wie Max immer weiter plapperte. Plötzlich riss mich eine fremde Stimme aus den Gedanken:

„Hallo Ted! Wo wollt ihr denn hin?“

Ich schaute auf. Vor mir standen Ernst und Peter, zwei etwas ältere Jungs, die weiter oben in der Jaspertstraße wohnten.

„Wir wollten zu den Neubauten rüber. Mal gucken, ob wir irgendwo rein können. Wollt ihr mitkommen?“

Ernst schüttelte den Kopf:

„Ach was! Wir haben dort drüben eine Höhle gebaut. Wollt ihr sie euch mal ansehen?“

Max war sofort begeistert:

„Eine Höhle! Komm die schauen wir uns an.“

„Ich weiß nicht. Meinet wegen.“

Irgendwo weiter oben bildeten die aufgeschütteten Hügel eine Nische. In dieser hatten die beiden Jungs mit starken Ästen und mit, auf den Baustellen gefundenen Brettern, ein stabiles Gerüst gebaut. Mit kleineren Ästen und Zweigen hatten sie die Lücken zusammengeflochten.

Max war gleich in die dunkle Höhle gekrochen und stieß begeisternde Rufe aus.

„Das musst du dir ansehen, Ted. Hier drinnen ist es richtig geräumig. Komm doch auch mal rein!“

Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Dennoch begab ich mich auf die Knie und wollte in die Behausung hineinkriechen. Zu meinem Unmut, krabbelten direkt vor meinen Händen zwei ekelhafte Ohrenkriecher. Schnell zog ich meine Hand zurück:

„Ach! Widerlich! Ich hasse diese Würmer“

Ich wollte dieses Bauwerk gleich wieder verlassen. Da sprang Peter über das Dach der Höhle, wohl um uns zu zeigen wie stabil sie sei. In meinen Hemdkragen rieselten sofort eine Menge Dinge hinein, von denen ich nicht wusste, was es war. Schnell stand ich wieder auf meinen Beinen. Es zwickte und piekte mich überall an meiner Rückseite. So allerlei schien über meinen Rücken zu krabbeln. Erschrocken fuhr mir durch die Haare und schüttelte mich erst einmal tüchtig aus. Auch Max hatte sich erschrocken und stand nun neben mir. Aber seine Begeisterung hatte er nicht verloren:

„Ted, wollen wir uns nicht auch so eine Höhle bauen? Komm wir fangen gleich an! Hier nebenan!“

Sofort mischte sich Ernst ein:

„Das geht nicht! Hier ist nur Platz für eine Höhle. Wenn ihr eine bauen wollt, müsst ihr woanders hingehen. Weiter oben ist noch ein guter Platz.“

Sofort drängelte Max:

„Komm Ted, wir fangen gleich an!“

Da war mit mir nichts zu machen:

„Das muss bis morgen warten. Ich glaube wir müssen jetzt heim.“

„Schade, aber morgen bauen wir uns eine Höhle, ja?“

Wir wollten schon gehen, da wandte sich Ernst an mich:

„Wie geht es Harry?“

Ich schaute ihn grimmig an:

„Harry trägt einen dicken Verband. Der hat ein ganz schön großes Loch im Kopf.“

Ernst fragte betreten:

„Ist es so schlimm? Der hat gestern ja geblutet wie die Sau. Furchtbar!“

„Ja, weil einer von euch ihm einen Stein an den Kopf geknallt hat.“

Ernst schüttelte energisch den Kopf:

„Quatsch, wir haben nur mit Lehmklumpen geworfen!“

„Aber in einem dieser Klumpen muss wohl ein Stein gewesen sein. Weißt du wer den geworfen hat?“

Ernst nickte:

„Aber ich verrate es dir nicht!“

„Warst du es?“

„Nein!“

„War es Peter?“

„Ich habe dir doch gesagt, ich verrate es dir nicht.“

„Also doch!“

Jetzt mischte sich Peter ein:

„Glaubst du, ich wollte das? Ich bin doch selbst erschrocken. Bei diesen Schlachten soll doch keiner verletzt werden.“

Ich zuckte mit den Achseln:

„Sicher, wir werden euch beim nächsten Mal ganz besonders herzlich empfangen. Das verspreche ich euch. Aber wir müssen jetzt heim. Macht´s gut“

Auch die anderen grüßten kameradschaftlich:

„Ja, macht´s gut!“

Wir machten uns auf den Heimweg. Max war nachdenklich:

„Glaubst du sie werden uns wieder angreifen?“

„Natürlich!“

„Warum tun sie das?“

„Weiß nicht! Sie wollen uns zeigen, dass sie die Stärkeren sind und unseren Hof erobern. Aber der gehört uns und wir müssen alle fremden Kinder von dort vertreiben.“

Wir überquerten gerade die letzte Hügelkette zu unserem Areal. Ich erstarrte. Drei fremde Kinder in unserem Sandkasten! Zwei waren schon größer, so in unserem Alter, das dritte war fast noch ein Baby. Ich war erbost:

„Was haben die denn da zu suchen?“

Auch Max schaute zu ihnen hinüber:

„Wer sind die?“

„Ich weiß nicht! Wir müssen etwas tun. Komm, wir gehen und verjagen sie!“

Die Großen Jungs waren nicht da. Also musste ich die Verantwortung übernehmen. Ich durfte keine Eindringlinge bei uns dulden. Entschlossen stürmte ich die 20 Meter zum Sandkasten hinunter. Max war sehr bemüht den Schritt zu halten.

Der vermutlich älteste der drei sah mir entgegen. Er war kleiner als ich, wahrscheinlich sogar kleiner als Max. Er trug eine kurze, graue Lederhose, die von zwei breiten Trägern gehalten wurde. Über seinem hellen, karierten Hemd trug er einen grünen Janker, der mit einem roten Rand abgesetzt war und von silbernen Metallknöpfen geziert wurde.

Der unbekannte Junge, der langsam auf mich zu kam war blond und hatte blaue Augen. Ich hatte den Rand des Sandkastens erreicht und polterte los:

„Was wollte ihr hier? Wer seid ihr? Ihr habt hier nichts zu suchen! Macht das ihr weg kommt, sonst verklopp ich euch!“

Nun standen wir da, Auge in Auge. Aber mein Geschrei schien den fremden Jungen kaum zu beeindrucken. Ohne zu zögern erwiderte er ruhig:

„Wir spielen doch nur hier. Ist das verboten?“

Seine Ruhe ärgerte mich:

„Ihr habt hier nicht zu suchen. Das ist unser Sandkasten.“

Max mischte sich ein:

„Du Ted, ich glaube, ich weiß jetzt, wer die sind.“

Ich duldete seine Einmischung nicht:

„Ich weiß es aber nicht! Sie sollen verschwinden!“

Max drängelte nach:

„Aber sie sind doch gestern…“

Ich hörte nicht mehr zu, denn in diesem Augenblick machte der blonde Junge einen Schritt auf mich zu. Mein Körper spannte sich an und ich war sofort kampfbereit. Da streckte er mir die Hand entgegen:

„Hallo, ich bin Eberhard. Wir sind gestern hier eingezogen. Wir wohnen dort oben im zweiten Stock“, dabei wies er zu dem zu uns gehörenden Nachbarhaus.

In diesem Augenblich wurde jener fremde Junge, den ich gerade noch verkloppen wollte, zu „Eberhard mein Freund“. Mit ihm als Freund an meiner Seite, erlebte ich die großartigsten Dinge und war zu den schwierigsten Taten bereit. Alles, was ich in dieser nun bereits über sechzig Jahre währenden Freundschaft erlebt habe, hat seinen Ursprung am Sandkastenrand, in dieser Siedlung, an diesem außerordentlich gewöhnlichen Sommertag.

 


Hintergrund der Geschichte:
Autobiographisches Schreiben.


8,5 Seiten