Meine kleine blaue Perle

„Verflixt!“ Mein ärgerlicher Ausruf hallte durch das schon etwas marode gewordene Raumschiff, mit dem ich mich auf meine Reise ins Unbekannte begeben hatte. Ich war auf der Suche. Doch wusste ich nicht einmal genau, was ich eigentlich zu finden begehrte. Eine undefinierbare Unruhe trieb mich hinaus in die Unendlichkeit des Sternenmeeres.

Gerade war mir das Kupplungsseil zum Antigrav-Antrieb gerissen. Einen Schaden der umgehend behoben werden musste. Dabei hatte ich gerade ein paar Parsek meiner Reise ins Irgendwo zurückgelegt. Nun zwang mich dieses Unglück schon zum Landen. Denn diese Reparatur konnte ich nur von außerhalb des Raumgefährtes durchführen. So kam es, dass mein erster Stopp bereits auf dem Mars notwendig wurde.

Wie jeder Raumpilot, musste auch ich in der Lage sein, kleinere Pannen selbst zu beheben. Missmutig verließ ich das Raumschiff und ging an die Arbeit. Es war ein wahrer Pfriemelkram, den ich in einer ständig gebückten Haltung zu erledigen hatte. Erfreulicher Weise ging die Reparatur jedoch gut voran und bald war der Schaden des Raumschiffes behoben. Mir schmerzte der Rücken. Ich streckte mich und machte mich recht lang, um mein Rückgrat wieder ein bisschen einzurenken. Dabei erblickte ich knapp über den Horizont eine kleine blaue Perle am rötlichen Firmament des Mars.

Mir wurde seltsam warm und melancholisch zumute.

Dies war die Erde! Meine Heimat! Der Planet, der im Wesentlichen von einer Spezies beherrscht wurde – dem Menschen. Dies jedoch nicht zum Besten der blauen Kugel, Heimat von so vielen verschiedenen Lebewesen. Von denen sich der Mensch die höchste Sprosse der Evolutionsleiter erobert hatte.

Jeder Mensch für sich sicherlich vom Grund auf gut. Aber in der Masse mit anderen seiner Art unberechenbar. Da wird gehauen und gestochen. Gelogen und betrogen. Jeder sucht nur seinen Vorteil und gönnt dem Anderen nicht den Teller Suppe, der ihn satt machen würde. Ein Egoismus, den jedermann damit begründet, dass er ja für sich und den Seinen Sorgen müsse. Und doch, in dieser Wüste der kalten Herzen, bemüht man sich miteinander auszukommen.

Vor meinen Augen entstand ein Bild von meiner eigenen kleinen Welt, in der ich lebte. Den Ort von dem ich gerade aufgebrochen war, neues zu entdecken. Ein kleines Haus, ein kleiner Garten. Alles mein Eigen. Die Möglichkeit, in diesen Grenzen mein Leben selbst gestalten zu können. Die übrige Welt ins Draußen zu verbannen. Nur nicht hineinsehen in diese große Welt voller Ungerechtigkeiten. Denn sonst müsste man ja etwas unternehmen. Wer will das schon?

Aber im Miteinander der Menschen muss man immer nach gemeinsamen Wegen streben. Sicher, man muss seine Wünsche darstellen. Aber auch nach Kompromisse suchen, wo sie nötig waren. Nur im Geben und im Nehmen kommt man miteinander aus.

Das sind oftmals schwierige Wege, die nur allzu häufig ihr Ziel nicht erreichen. Zank und Streit sind die Folge. Es muss doch irgendwo etwas Besseres geben. Ein Paradies vielleicht, in dem man im Frieden und im Einklang mit der Natur leben kann. Danach sehnte ich mich und das trieb mich auf den Weg, bevor meine Reise hier auf dem roten Planeten so jäh unterbrochen wurde.

Ich wendete meinen Blick vom Himmel ab. Gleich darauf erschrak ich. Ein fremdes Wesen kam mit gleichmäßigen, ruhigen Schritten auf mich zu. Aber der Anblick dieses Unbekannten beruhigte mich sofort wieder. Seine Gesten und seine Haltung signalisierten mir offensichtlich freundliche Absichten.

Es trat an mich heran und fragte mich ohne weitere Begrüßung:

„Warum hast du die Erden verlassen?“

Ich fühlte mich durchschaut. Verlegen schluckte ich und meine Gedanken begannen zu Kreisen. Ja, warum wurde es mir zu eng auf diesen Planeten? War es wirklich nur all dieser Streit unter den Menschen. Auch unter jenen, die mir so viel bedeuteten? Oder suchte ich einfach nach etwas ganz anderem? War ich einfach nur unzufrieden damit, dass mir schien, dass mein Leben mir nichts Neues zu bieten vermochte? Was war es, was mich davon trieb, in die Ferne? Und wohin? Wo konnte ich etwas finden, von dem ich gar nicht wusste, was es ist?

Nach anfänglichem Zögern antwortete ich ein wenig ausweichend, dem mich sanft anblickenden Wesen:

„Ich wollte eben schon immer nach Neuem suchen. Das Unbekannte erforschen. Meine Neugierde stillen. Nun habe ich endlich die letzte Grenze überschritten, die mich stets gebunden hatte. Meine Liebe zu diesen wunderschönen Planeten. Der Streit der Menschen hat mich vertrieben. Ob aber diese Technik auslangen wird, mich an ein Ziel zu bringen? Ich weiß es nicht! Ich bin ja kaum bis zum Mars gekommen.“
Versteht dieses Wesen meine Sehnsucht?

Verstehe ich sie selber?

Schweigend schaute mich die unbekannte Kreatur an. Dann schien eine Entgegnung im Raum meiner Gedanken zu entstehen:

„Wenn du etwas finden möchtest, musst du nur am richtigen Ort suchen!“

Ein seltsamer Kummer überflutete mich. Ich schloss einen Augenblick lang die Augen, und wiederholte den Satz, den ich gerade empfangen zu haben schien. Wo war dieser richtige Ort, an dem ich finden konnte, was ich suchte? Ich werde es wissen, wenn ich jenes gefunden habe, welches mir eine Antwort auf meine Sehnsucht gibt. Wo sollte ich suchen? Ich öffnete wieder meine Augen, war bereit dem Gegenüber diese Frage zu stellen. Aber ich fand mich alleine, neben meinem Raumschiff stehen. Hatte ich diese Begegnung nur geträumt? Sei es, wie es ist. Ich war unsicher, wie es nun weiter gehen sollte. Das Kupplungsseil leistet wieder seinen Dienst, einem Weiterreisen stand nichts mehr im Wege. Sollte ich denn weiterfliegen? Im Unbekannten nach dem Ort meiner Antworten suchen?

Ich schüttelte entschlossen den Kopf. Nein, ich werde umkehren. Wahrscheinlich finde ich alle Antworten, auf das was ich suche, doch eher auf meiner kleinen blauen Perle, dort oben, knapp über den Horizont.

 


Hintergrund der Geschichte:
Verlasse die Ebene deines Lebens und betrachte es von außen. Lass eventuell jemanden hinzukommen, der dir hilft.


3 Seiten